Blog

Das Sankt-Martin-Prinzip

Bei Sankt Martin denkst Du an Laternen und Lieder, raschelndes Herbstlaub und den berühmten Mantel, der schwuppdiwupp in zwei Hälften geteilt wird, um einem armen Bettler zu helfen. Schöne Geschichte. Hast Du aber schon einmal darüber nachgedacht, was Martin da genau getan hat? Falls nicht, präsentiere ich Dir: das Sankt-Martin-Prinzip.

***nur zum Verständnis: Wenn ich in diesem Blog über "Hilfe" spreche, dann spreche ich von Alltagshilfe. Dass keine Notfälle gemeint sind, sollte sich von selbst verstehen.***

"Martin, Du Geizhals!"

Mal überlegt, warum Sankt Martin dem Bettler nur die Hälfte seines Mantels überlassen hat? Vielleicht war er im Kern ja gar nicht so gut, ein Geizhals oder Egoist? Googelt man den Grund, kann man lesen, dass Martin den Mantel als Militäreigentum gar nicht hätte verschenken dürfen (mal ernsthaft, hätte ihn das davon abgehalten?) oder ein Ersatz nicht so leicht zu bekommen gewesen wäre. Vielleicht ist das so. Aber diese Geschichte fand vor etwa 800 Jahren statt, also wer kann das schon so genau sagen.  

Also Lirum Larum und lasst uns lieber einen Blick über den Tellerrand wagen und annehmen, dass wir hier nicht bloß eine Geschichte über den Erkenntnisprozess des Heiligen Martins, sondern eine sehr sinnvolle Parabel in unsere Hände gelegt bekommen.

Wir lernen schon als Kinder, dass wir teilen müssen und „Egoismus“ etwas Schlimmes ist. Gute Menschen geben und ein gebender Mensch ist gut. Wer nichts gibt, ist kein guter Mensch und wer zu wenig gibt ist auch nicht wirklich toll. Stimmt in etwa so? Wir lernen also, wenn wir immer Ja sagen und alles geben, dann sind wir liebenswert und vor allem richtig gute Menschen.

Zusammengefasst:

  • Dein Umfeld findet es super, wenn Du alles gibst.
  • Aber wie geht es Dir damit?

Helfen = Selbstsabotage?

Ich sage jetzt ganz laut: „STOPP!“ Denn ich glaube, darum geht es in der Geschichte mit dem Mantel.

Denn schau einmal, was Sankt Martin wirklich gemacht hat. Es war Winter und richtig kalt. Martin ist ein Mensch und damit nicht immun gegen Kälte. Nun kreuzt ein anderer Mensch seinen Weg, der bitterlich friert. Martin gibt ihm die Hälfte seines Mantels, nicht den ganzen. Mach Dir bewusst, was das im Sinne der Parabel aussagt. Martin hilft seinem Gegenüber, aber ohne sich und seine Bedürfnisse dabei zu vergessen. Denn auch er hätte ganz ohne Mantel stark gefroren! Und im Ernst, warum hätte er das auch tun sollen? Martin gibt nur so viel, wie er selbst erübrigen kann - ohne sich selbst zu schaden bzw. die eigene Grenze zu verletzen. Er hat verstanden, was es heißt die eigene Integrität zu wahren. Wir aber paaren unser Bedürfnis zu Helfen viel zu oft mit „Selbstsabotage“. Mach Dir das einmal bewusst. Denkst Du, dass eine altruistische Handlung wertvoller ist als eine ausgeglichene Hilfe und ein Altruist damit ein besserer Mensch?

Vielleicht fühlt es sich fremd an, aber fühl Dich mal hinein. Wie oft gibst Du etwas und überschreitest damit deine eigene Grenze, weil Du eigentlich etwas ganz anderes willst. Aber Du hast gelernt, dass es richtig ist, anderen zu helfen. Genauso wie "Eigenlob stinkt", würde auch nur ein purer Egoist auf seine Bedürfnisse zuerst schauen. Aber ist das alles so und wer hat diese Grundsätze aufgestellt?

Sankt Martin zeigt für mich den gesündesten Weg der Hilfe und Unterstützung anderer Menschen.

  • Martin schaut hin: Er reitet nicht vorbei wie seine Kameraden, er nimmt seine Umwelt bewusst wahr und an.
  • Er hat kein Geld dabei, aber das ist für ihn keine Ausrede, um sich schulterzuckend doch umzudrehen.
  • Seine Lösung ist ungewöhlich, aber effektiv.
  • Martin hilft dem armen Bettler, aber ohne ein fremdes Bedürfnis nicht über sein eigenes zu stellen.

Wenn Dich also jemand um etwas bittet, dann hilf ihm und sei zur Not kreativ. Es gibt nicht nur einen Weg für Hilfe, auch das zeigt Martin. Und wenn voller Einsatz sich für Dich nicht gut anfühlt, dann mach Dir bewusst, es ist ok – und notwendig - Nein zu sagen oder eine andere Option zu finden.

Wie sieht das in der Praxis aus:

Die Situation:

Ein Freund fragt Dich, ob Du ihn heute spontan mit dem Auto zu einem Arzttermin fahren kannst. Beim Thema "Arzttermin" gehen natürlich die Larmglocken an - das ist wichtig! Aber Du hast selbst sehr viel zu tun und der Gedanke löst puren Stress in Dir aus. Für Dich also überhaupt nicht gesund, weder physisch noch mental. Aber so eine Bitte kann man ja nicht ablehnen, fühlst Du den inneren Druck?

Das Sankt-Martin-Prinzip sagt:

Dein Freund und seine Bitte sind wichtig. Aber Du selbst bist genauso wichtig und Du solltest Dich selbst und die Signale Deines Körpers ernst nehmen. Gibt es einen Weg, der Euch beiden hilft? Sag also nicht spontan ja, wenn Dein Gefühl und Körper „NEIN!!“ schreien. Du kannst Deinen Freund aber bei einer Lösung unterstützen.

Lösung:

Kann jemand anderer fahren? Gibt es ein öffentliches Verkehrsmittel, zu dem Du ihn bringen kannst, was für Dich aber mit einem geringeren zeitlichen Aufwand verbunden ist? Wenn es kein Notfall ist, könnte der Termin vielleicht verschoben werden? Frag vielleicht erst einmal nach, ob dieser Termin unbedingt heute wahrgenommen werden muss. Vielleicht ist es nicht das, wonach "Arzttermin" erst einmal klingt und in diesem Fall ist er auch nur ein Punkt auf der To-do-Liste Deines Freundes, den er gerne lieber heute als morgen abhaken will. Aha! Und dafür wird Dein Plan aber gestört - verstehst Du worauf ich hinaus will? Kommunikation vor eiliger Handlung.

Gedanken zum Abschluss: Selbstverantwortung

Und auch wenn es jetzt vielleicht hart klingt, mach Dir bewusst: Es ist nicht Deine Aufgabe andere Menschen „zu retten“ (Notfälle ausgenommen). Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich. Und Du bist in erster Linie für Dich selbst verantwortlich. Und in Deinem Leben ist es Deine Aufgabe Selbstverantwortung zu leben. Nein sagen ist erlaubt. Ein echter Freund versteht auch Deine Perspektive und Bedürfnisse.

Und wenn Du das nächste Mal in die Situation kommst, etwas von Dir zu geben, dann denke an Sankt Martin, an seine kreative Lösung des Problems und die Mantelhälfte, die ihn in noch vielen Winternächten vor der Kälte bewahrt hat - genauso wie den armen Bettler die andere.

****Alle Inhalte meiner Blogs beruhen ausschließlich auf meiner persönlichen Erfahrung und Recherche. Ich teile diese als Inspiration, als Denkanstoß und als Anregung zur Eigenrecherche. Ich veröffentliche dies mit bestem Wissen und Gewissen - wendest Du etwas an, dann tust Du dies aber in 100%iger Selbstverantwortung. Gerne können wir uns aber über jedes Thema austauschen und darüber diskutieren.****

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Dieses Feld ist ein Pflichtfeld

Dieses Feld ist ein Pflichtfeld

Dieses Feld ist ein Pflichtfeld

Bei der Übermittlung Ihrer Nachricht ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

Sicherheitsüberprüfung

Ungültiger Captcha-Code. Versuchen Sie es erneut.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.